Wo bist Du? - Lebst Du wirklich?

Alles rennt, 1000 und 1 Nachrichten stürzen am Tag über uns ein und WO bin ich?- noch wirklich bei mir?– geschweige denn bei Gott? Ja alles scheint immer mehr nach außen zu drängen, eine Beschäftigung jagt die nächste, die innere To-Do-Liste wächst von Stunde zu Stunde. Wir scheinen ständig, wie in einer Zentrifuge, de-zentralisiert zu werden.

Der Seiltänzer kennt das Geheimnis, wie er von einem Ende des Seils über die Schlucht hinweg zur anderen Seite gelangt. Das Gleichgewicht lässt sich nicht krampfhaft kontrollieren, es lässt sich nur leben. Im Blick auf das Ziel setzt er einen Fuß vor den nächsten. Die Mitte ist das Lot.

Und so lädt uns das heutige Evangelium wieder einmal ein uns zu entscheiden: Willst Du wirkliches Leben? Auf den ersten Blick könnte man sich fragen - das bekannte Evangelium vom Bild des Weinstocks und der Reben, dem Fruchtbringen, wo ist da die Botschaft des Auferstandenen, der Auferstehung? Warum lesen wir dieses Evangelium in der Osterzeit? Chronologisch steht es doch mitten in den Abschiedsreden... quasi im Testament Jesu.

Doch - da wo es sich um das Leben, die Lebenskraft und das Fruchtbringen dreht, da ist etwas vom österlichen Leben spürbar. Schauen wir genauer hin:

  • Das Bleiben ist das zentrale Thema.
  • Auf einen Blick kann man sehen, die Worte 'bleiben' und 'Frucht' sind die zentralen, sich wiederholenden Worte: (8 x bleiben | 7 x Frucht).

Wie oft spüren wir in unseren Herzen und unserem Alltag, den Wildwuchs. Und bekanntlich trägt der Weinstock nur Frucht, wenn er vom Wildwuchs beschnitten wird.

Jesus wird mit dem Bild vom Weinstock als Vermittler des wirklichen Lebens dargestellt, so dass – wer daran Anteil haben will – gar nicht anders kann, als zu bleiben.

Für uns bricht hier schon eine entscheidende Frage auf: Wollen wir wirkliches Leben haben?

Und, wie sieht dieses wirkliche Leben aus? und wie müssen wir leben – allein und als Kirche, um dieses Leben lebendig werden zu lassen?

„Wer ist der Mensch der das Leben liebt und glücklich sein will?“ (vgl .Ps. 33) Gott ruft uns diese Frage zu. Da muss man mal drüber nachdenken - es schein logisch und selbstverständlich - ER will dass ICH glücklich und zutiefst froh werde. Und ER ruft mir und einem jeden, den ER ins Leben gesetzt hat diese Frage zu. ER überfällt einen nicht, aber ruft und sehnt und wartet... auf meine persönliche Antwort.

Mit diesem Ruf, dieser Frage ruft ER uns heraus – aus der heute oft so anonymen Menge in der der Mensch aufzugehen, aber auch verloren gehen zu scheint.

Von überall her dringen die Stimmen, die Verlockungen und scheinbaren Lebensangebote auf uns ein.

UND da ist einer – Gott - , der den Menschen laut aus der Menge der Masse herausruft.

Wenn jemand auf diesen Ruf Jesu: „Wer sehnt sich nach einem glückseligen Leben?“ mit ICH antwortet, der ist in die Beziehung mit Jesus Christus, dem Lebendigen eingetreten, der ist in die Gemeinschaft der Kirche eingetreten , der sehnt sich danach in IHM zu bleiben. Und genau davon spricht der wahre Weinstock:

  • "Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer."

Jesus wird hier zum Mittler des wirklichen Lebens - und zeigt uns gleichzeitig, wie wir zur Fülle und Freude gelangen: So wie Er im Vater bleibt.

Im Bleiben liegt die Kraft... und auch das ist österlich... denn so wie alles Leben aus dem Tod aus der Fülle der Liebe hervorbricht - und das ist der Heilige Geist - so bricht auch das wirkliche Leben aus dem Bleiben in dieser Liebe zwischen Vater und Sohn hervor.

Für ein fruchtbares Leben ist es also wichtig, auf die Wachstumsgesetze zu achten, die in uns angelegt sind, um ihnen zu gehorchen. So werden wir durchlässig für den Lebenssaft, der vom wahren Weinstock kommt. Dieser Lebenssaft will sich in all den Dimensionen unseres Lebens – an Leib und Seele – ausbreiten.

"Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt." (Joh 15,2)

Darum müssen wir hin und wieder beschnitten werden… unsere Ängste aufdecken – auch das ans Tageslicht kommen zu lassen, was wir eher zu den Schattenseiten unseres Lebens zählen… Wo dieser Lebenssaft durchfließt, da reinigt und läutert er, da bringt er Wachstum und Reife.

Wer da am Weinstock bleibt, kennt den Schmerz, wenn das Winzermesser die fruchtlosen Reben wegschneidet und die Zweige reinigt, die Frucht tragen, damit sie mehr Frucht bringen. Wir sind doch eher schnell geneigt, weglaufen zu wollen, wenn es unbequem wird. Da ist sie wieder - die Zentrifuge, die Macht die uns dezentralisiert und vom wirklichen Leben wegreißt. Das Wachstumsgesetz des Weinstocks zeigt uns… wie bitter es sein kann, wenn der Weinstock auf einen einzigen Trieb zurückgestutzt wird – nicht um das Leben abzuschneiden – das würde Gott niemals wollen,… sondern um das Leben zu noch mehr Leben hin zu orientieren.

"Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt." (Joh 15,16) sagt Jesus wenige Verse nach unserem Evangelium.

Das Wirken des heiligen Geistes im Leben eines Menschen ruft erstaunliche Dinge hervor. Das ganze Leben blüht auf und trägt Früchte. Die wunderbarste Frucht ist das Geben und Empfangen wahrer Liebe. Daraus lebt die Rebe am Weinstock und daraus leben wir Christen.

Was bedeutet aber überhaupt „Frucht bringen“?

Man kann zunächst sagen, dass jeder Mensch Frucht bringt – dem Tod oder Gott.

Was Johannes hier mit der Rebe bezeichnet, die keine Frucht bringt – das sind jene, die zwar von Jesus aus der anonymen Menge herausgerufen wurden, aber die diesen Ruf entweder nicht vollends gehört oder gar überhört oder aufgehört haben darauf zu antworten. Ja, die das Beziehungsangebot Jesu nicht erwidern.

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)

Wenn wir aufgefordert werden Frucht zu bringen, heißt das, in Seine Lebensdynamik einzugehen – leben wie er, lieben wie er, - die Frucht entspringt dem Tod – bleiben wir vor dem Tod stehen, d.h. bleiben wir vor der Hingabe und Auf-gabe stehen, bleibt das Weizenkorn allein – wird die Rebe nicht beschnitten… d.h. wird das Abgestorbene oder was nicht mehr dem Transport der Lebenssäfte dient, oder sie nur unnötig verzehrt, nicht entfernt… dann entspringt kein neues Leben.

Das neue Leben, das Leben aus dem Tod, das Leben im Geist lässt uns Frucht tragen.

Diese Frucht ist die FREUDE - der Wein symbolisiert übrigens an unzähligen Stellen der Bibel die Freude.

„Bleibt in mir – dann bleibe ich in euch.“ (Joh 15,4) Wir bleiben in der Liebe Gottes durch die liebende und vertrauende Nähe zu Gott, durch das Gebet.

Das heißt aber, dass wir diese göttliche Liebeskraft, den Hl. Geist – immer näher kennenlernen wollen müssenvon innen her, ihn anrufen… ja aber wirklich, also sich vorher nochmal entscheiden ihn wirklich in mein Leben einlassen zu wollen und dann zu bitten: „Komm Heiliger Geist.“

IHM die Türen meines Lebens aufzureißen… dann wird’s lebendig und dann: wenn ER mächtig wird, wenn sich also etwas in mir zu bewegen scheint, was neu, was anders, was unbequem, auch zunächst Angst machend sein kann, dann: „Hab keine Angst vor dem Heiligen Geist!“ Es wäre jetzt falsch zu sagen: Er tut nix!

Denn ER tut sehr wohl etwas… Es ist wie bei Petrus… im Obergemach bei der Fußwaschung - Du willst mir die Füße waschen, nein niemals. Und dann… kann er nicht genug bekommen. Wir sind plötzlich in was Größeres hineingenommen – aber brauchen keine Angst zu haben, dass unserer Persönlichkeit Gewalt angetan würde. Es ist die Liebe – lass Gott zu, dann wirst Du Wunder sehen. DAS ist Ostern und Pfingsten in einem! - Es ist dasselbe Geheimnis! Wir sind auf dem Osterweg, ist das nicht genial?!

„Bleibt in mir – dann bleibe ich in euch.“

Und hast Du Geschmack bekommen an der Freude?! - an wirklichem Leben?!