lectio

1. Tag der Pfingstnovene

11. Mai | Joh 16,20-23a

Komm, o Schöpfer Geist, besuche unsere Sinne, erfülle mit himmlischer Gnade die Herzen, die du erschaffen hast.

Abschied

Unsere heutige Passage aus dem Johannesevangelium stammt aus der Zeit Jesu vor seinem Abschied, vor seinem Leiden und schaut vorauseilend auf den Moment, an dem der Abschied schon stattgefunden hat. Der Herr bereitet seine Jünger auf den Moment vor, an dem er nicht mehr auf Erden ist. Er tröstet sie, bereitet sie auf die Zeit vor, an dem sie auf ihn in leiblicher Gestalt nicht mehr zählen können. Wir dürfen hier einen Herrn entdecken, der in väterlicher Art und Weise sich um seine Jünger sorgt, sie nicht einfach alleine lässt und sich sorglos an die Seite seines Vaters setzt. Nein, der Herr sorgt sich um sie, bereitet sie vor, kümmert sich um sie und das ist tröstlich.

Ja, wir haben hier einen Herrn, der die Trauer wahrnimmt, ernst nimmt und bleibt doch dort nicht stehen. Das kann man schon daran erkennen, dass das häufigste Wort ,das Wort FREUDE ist - nicht Trauer. "[...] ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln." Und dies soll nicht eine Verheißung bleiben, sondern Wirklichkeit. Der Herr vertröstet seine Jünger nicht, sondern möchte, dass sie in all ihrer Trauer und ihrem Leid nicht stecken bleiben, sondern darauf hoffen und darauf vertrauen, dass die Freude in ihrem Leben den ersten Platz haben wird, auch ohne IHN oder vielleicht gerade ohne IHN. Denn es wird eine Zeit kommen, an dem sie ihn nichts mehr fragen werden. Eine Zeit, in der sie in sein Geheimnis, in seine Liebe ganz eingetaucht sind und dadurch eine innere Kraft und Freude empfangen, die sie über sich selbst hinaus, bis an die Grenzen ihres Vermögens, bis an die Grenzen der Erde führt.

Dieses Geheimnis wird sich mit dem Heiligen Geist erfüllen, der in ihren Herzen Wohnung nehmen wird. Dieses Geheimnis des Herrn besteht aus der Beziehung zwischen ihm und seinem Vater, in einer Beziehung, die die pure und unendliche Liebe ist, eine Liebe die sich vollkommen gibt und vollkommen empfängt und sich letztlich im Heiligen Geist ausdrückt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist letztlich auch wieder Person, ist der Heilige Geist. Indem wir diesen Geist empfangen, nehmen wir Anteil an dieser Beziehung, sind wir mit hinein genommen in die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn, sind wir mit hinein genommen in den ewigen Dialog der Liebe und Weisheit zwischen Vater und Sohn. So werden wir neue Schöpfung. Neue Schöpfung, weil wir die ewige Liebe in uns wahrnehmen dürfen. Und dies führt uns in eine Freude, die bleibt, eine Freude, die uns über uns hinaus wachsen lässt.

Und so können wir am Ende dieses Impulses in die erste Strophe des Heilig Geist Hymnus einstimmen, der uns von nun an Strophe für Strophe bis Pfingsten begleiten wird:

"Komm, o Schöpfer Geist, besuche unsere Sinne,

erfülle mit himmlischer Gnade die Herzen, die du erschaffen hast. "

Aus dem Evangelium nach Johannes

20Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln.

21Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

22So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wieder sehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude.

23aAn jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.

Zum Weitergehen mit den KIRCHENVÄTERN

Keine Kreatur vermag über das hinaus zu wirken, was sie in sich selbst hat.

Deshalb vermag die Seele nicht über sich hinaus zu wirken mit dem Licht,

das Gott ihr gegeben hat, denn es gehört ihr zu eigen,

und Gott hat es ihr als eine Morgengabe in die oberste Kraft der Seele gegeben.

...

Gott kommt darum mit der Liebe zu der Seele, damit die Seele sich erhebe,

damit sie über sich selbst hinaus zu wirken vermöge. ...

Insoweit Gott Gleichheit in der Seele findet,

insoweit wirkt Gott mit der Liebe... .

Denn Gott ist unendlich, deshalb muss die Liebe unendlich sein.

Lebte ein Mensch tausend Jahre oder länger,

er vermöchte zuzunehmen an Liebe, wie man es am Feuer erkennen kann:

solange es nämlich Holz hat, so lange wirkt das Feuer.

Je nachdem, wie groß das Feuer ist und wie stark der Wind weht,

entsprechend groß ist das Feuer.

Darum verstehen wir unter dem Feuer die Liebe

und den Heiligen Geist unter dem Wind beim Wirken des Heiligen Geistes in der Seele.

Je größer die Liebe ist in der Seele und je mehr der Heilige Geist weht,

um so vollkommener ist das Feuer, jedoch nicht plötzlich,

sondern allmählich mit dem Zunehmen der Seele;

denn würde der Mensch gänzlich verbrennen, wäre dies nicht gut.

Darum weht der Heilige Geist allmählich, damit der Mensch,

lebte er denn tausend Jahre lang, an Liebe zuzunehmen vermöchte.


Aus einer Predigt des Dominikaners Meister Eckhart (13. Jhd.)